Lottas Gedichtesammlung :
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Eugen Roth
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Eugen Roth, 22.Jul.2003 02:12


Aufbruch

Über Nacht, vom ersten Warmen Winde
kühn gemacht,
hat der März das Tal geschwinde
grün gemacht.

Wärmt der Wald sich, mager und gestrüppig
erst das Fell,
bald des Kirschbaums Knospen, üppig
bersten hell.

Süßer Regen weint den weh gefrornen
Garten auf.
Blüten, die im Schnee verlornen,
warten drauf.

Hinter das vom Winter ausgebleichte
Grau der Welt
ist nun schon das frühlingsleichte
Blau gestellt.

Morgen kommt die Sonne: Furcht und Hoffen
stöhnt vom Schlag -
von des Lichtes Blitz getroffen
tönt der Tag!

Eugen Roth

 
 
   





Das Schnitzel

Ein Mensch, der sich ein Schnitzel briet,
Bemerkte, daß ihm das mißriet.
Jedoch, da er es selbst gebraten,
Tut er, als wär es ihm geraten,
Und, um sich nicht zu strafen Lügen,
Ißt er′s mit herzlichem Vergnügen.

Eugen Roth

 
   



., 22.Jul.2003 02:58


Das Schnitzel

Ein Mensch, der sich ein Schnitzel briet,
Bemerkte, daß ihm das mißriet.
Jedoch, da er es selbst gebraten,
Tut er, als wär es ihm geraten,
Und, um sich nicht zu strafen Lügen,
Ißt er′s mit herzlichem Vergnügen.

Eugen Roth
 
   




Die guten Vierziger

Das Leben, meint ein holder Wahn,
geht erst mit vierzig Jahren an.
Wir lassen uns auch leicht betören,
von Meinungen, die wir gern hören,
und halten, längst schon vierzigjährig,
meist unsre Kräfte noch für bärig.
Was haben wir, gestehn wir's offen,
von diesem Leben noch zu hoffen?
Ein Weilchen sind wir noch geschäftig
und vorderhand auch steuerkräftig,
doch spüren wir, wie nach und nach
gemächlich kommt das Ungemach,
und wie Hormone und Arterien
schön langsam gehen in die Ferien.
Man nennt uns rüstig, nennt uns wacker
und denkt dabei: "Der alte Knacker!"
Wir stehn auf unsres Lebens Höhn,
doch ist die Aussicht gar nicht schön -
ganz abgesehen, daß auch zum Schluß
wer droben, wieder runter muß.
Wer es genau nimmt, kommt darauf:
Mit vierzig hört das Leben auf.



Einbildung

Ein Mensch hält sich, wie viele Männer,
Für einen großen Frauenkenner:
Nicht wegen allzu reicher Ernte -
Nein, weil er keine kennenlernte!




Einem Berühmten

Wenn Du auch noch so gut chirurgst,
Es kommt der Fall, den Du vermurxt.






Einfache Sache

Ein Mensch drückt gegen eine Türe,
wild stemmt er sich, daß sie sich rühre!
Die schwere Türe, erzgegossen,
bleibt ungerührt und fest verschlossen.
Ein Unmensch, sonst gewiß nicht klug,
versuchts ganz einfach jetzt mit Zug.
Und schau! (Der Mensch steht ganz betroffen)
Schon ist die schwere Türe offen!
So geht's auch sonst in vielen Stücken:
Dort, wo's zu ziehen gilt, hilft kein Drücken!




Ein Gleichnis

Die Frau, das weiß ein jeder, sei
Behandelt wie ein rohes Ei!
Sie ist ihr eignes Gleichnis so:
Empfindlich, aber selber - roh.











Einladungen

Ein Mensch, der einem, den er kennt,
Gerade in die Arme rennt,
Fragt: "Wann besuchen Sie uns endlich?!"
Der andre: "Gerne, selbstverständlich!"
"Wie wär es", fragt der Mensch, "gleich morgen?"
"Unmöglich, Wichtiges zu besorgen!"
"Und wie wär's Mittwoch in acht Tagen?"
"Da müßt ich meine Frau erst fragen!"
"Und nächsten Sonntag?" "Ach wie schade,
Da hab ich selbst schon Gäste grade!"
Nun schlägt der andre einen Flor
von hübschen Möglichkeiten vor.
Jedoch der Mensch muß drauf verzichten,
Just da hat er halt andre Pflichten.
Die Menschen haben nun, ganz klar,
Getan, was menschenmöglich war,
Und sagen drum: "Auf Wiedersehen,
Ein andernmal wird's dann schon gehen!"
Der eine denkt, in Glück zerschwommen:
"Dem Trottel wär ich ausgekommen!"
Der andre, auch in siebten Himmeln:
"So gilt's, die Wanzen abzuwimmeln!"





Einsicht

Der Kranke traut nur widerwillig
Dem Arzt, der's schmerzlos macht und billig.
Laßt nie den alten Grundsatz rosten:
Es muß a) wehtun, b) was kosten.




Entomologisches

Ein Mensch, als Ehemann sonst bräver,
Geriet an einen netten Käfer,
Mit dem er sich, moralgekräftigt,
Aus reinem Wissensdrang beschäftigt.
Er glaubt' denn auch, er hätt' entdeckt,
Ein neues, reizendes Insekt.
Doch leider wars nur eine Wanze,
Die beutegierg ging aufs Ganze.
Der Mensch bezahlte nun sein Wissen
Noch lange mit Gewissensbissen.






Entscheidungen

Ein Mensch, der für den Fall, er müßte,
Sich - meint er - nicht zu helfen wüßte,
trifft doch den richtigen Entschluß
Aus tapferm Herzen: Denn er muß!
Das Bild der Welt bleibt immer schief,
betrachtet aus dem Konjunktiv.










Die Meister

Ein Mensch sitzt da, ein schläfrig trüber,
ein and`rer döst ihm gegenüber.
Sie reden nichts, sie stieren stumm.
Mein Gott, denkst du sind die zwei dumm!
Der eine brummt, wie nebenbei,
ganz langsam: Tc6-c2.
Der and`re wird allmählich wach -
und knurrt: Da3-g3, Schach!
Der erste, weiter nicht erregt,
starrt vor sich hin und überlegt.
Dann plötzlich vor Erstaunen platt,
seufzt er ein einzig Wörtlein: Matt!
Und die du hieltst für nied`re Geister,
erkennst du jetzt als hohe Meister!




Durch die Blume

Ein Mensch pflegt seines Zimmers Zierde,
Ein Rosenstöckchen mit Begierde.
Gießts täglich, ohne zu ermatten,
Stellts bald ins Licht, bald in den Schatten
Erfrischt ihm unentwegt die Erde,
Vermischt mit nassem Obst der Pferde,
Beschneidet sorgsam jeden Trieb -
Doch schon ist hin, was ihm so lieb.
Leicht ist hier die Moral zu fassen:
Man muß die Dinge wachsen lassen!





Durchfall

Wenn einer viele Wochen lang
Den Prüfungsstoff, den er verschlang,
Und der, zumal er schlecht gekaut,
Ihm liegt im Magen, unverdaut,
Nun plötzlich, ausgequetscht wie toll,
Durch Reden von sich geben soll:
Was Wunder, daß sein Hirn verstopft,
Das Herz ihm klopft, der Schweiß ihm tropft!
Zum Munde kommt ihm nichts heraus,
Doch irgendwo muß es hinaus -
Wild rast es in ihm eingeweidlich
Und Durchfall ist dann unvermeidlich!

























Der Leser, traurig aber wahr,
ist häufig unberechenbar:
Hat er nicht Lust, hat er nicht Zeit,
dann gähnt er: "Alles viel zu breit!"
Doch wenn er selber etwas sucht,
was ich aus Raumnot nicht verbucht,
wirft er voll Stolz sich in die Brust,
"Aha, das hat er nicht gewußt!"
Man weiß, die Hoffnung wär zum Lachen,
es allen Leuten recht zu machen.



Die Besprechung

Der Sinn einer Besprechung ist,
dass alles durcheinander spricht.
Man kann somit gleich viele Themen
zur selben Zeit in Angriff nehmen.
Indem man Reden zeitlich streckt,
dadurch das Chaos wird perfekt.
Nur vom Protokoll der Schreiber,
hat dadurch Schwierigkeiten - leider.









Der Lichtblick

Ein Mensch erblickt das Licht der Welt -
Doch oft hat sich herausgestellt
Nach manchem trüb verbrachten Jahr
Daß dies der einzige Lichtblick war.






Der Maßlose

Ein Mensch, der manches liebes Jahr
Zufrieden mit dem Dasein war,
Kriegt eines Tages einen Koller
Und möchte alles wirkungsvoller.
Auf einmal ist kein Mann ihm klug,
Ist keine Frau ihm schön genug.
Die Träume sollten kühner sein,
Die Bäume sollten grüner sein,
Schal dünkt ihn jede Liebeswonne,
Fahl scheint ihm schließlich selbst die Sonne.
Jedoch die Welt sich ihm verweigert,
Je mehr er seine Wünsche steigert.
Er gibt nicht nach und er rumort,
Bis er die Daseinsschicht durchbohrt.
Da ist es endlich ihm geglückt -
Doch seitdem ist der Mensch verrückt.






Der Rezensent

Ein Mensch hat Bücher wo besprochen
Und liest sie nun im Lauf der Wochen.
Er freut sich wie ein kleines Kind,
Wenn sie ein bißchen auch so sind.







Der Unentschlossene

Ein Mensch ist ernstlich zu beklagen,
Der nie die Kraft hat, nein zu sagen,
Obwohl er´s weiß, bei sich ganz still:
Er will nicht, was man von ihm will!
Nur, dass er Aufschub noch erreicht,
Sagt er, er wolle sehn, vielleicht ...
Gemahnt wird nach zweifelsbitteren Wochen,
Dass er´s doch halb und halb versprochen,
Verspricht er´s, statt es abzuschütteln,
Aus lauter Feigheit zu zwei Dritteln,
Um endlich, ausweglos gestellt,
Als ein zur Unzeit tapfrer Held
In Wut und Grobheit sich zu steigern
Und das Versprochne zu verweigern.
Der Mensch gilt bald bei jedermann
Als hinterlistiger Grobian -
Und ist im Grund doch nur zu weich,
Um nein zu sagen - aber gleich!





Der Unschlüssige

Ein Mensch, zum Bahnhof dauerlaufend,
mit Seitenstechen, mühsam schnaufend,
sieht auf die Uhr, es wird zu knapp-
und augenblicklich macht er schlapp
enthoben seiner höhern Zwecke,
schleicht er jetzt lahm wie eine Schnecke;
nimmt immerhin sich eine Karte,
dass er der nächsten Zug erwarte.
Und sieht-und meint nicht recht zu sehn-
den Zug noch auf dem Bahnsteig stehn.
Mit seinen letzten Lebensgeistern
hofft er nun, doch es noch zu meistern;
setzt an zum Endspurt im Galoppe;
voll Angst, dass doch das Glück ihn foppe,
lässt jäh er sinken Mut und Kraft.
Bis er sich wieder aufgerafft,
vergehn Sekunden, tödlich tropfend.
Der Mensch, mit wildem Pulsen klopfend,
fragt sich im Laufen, ob er träumt:
der Zug, den er, an sich versäumt,
Steht noch - gesetzt den Fall, er sei`s!-
ganz ungerührt auf seinem Gleis.
Doch eh der Mensch sich noch im klaren,
beginnt der Zug jetzt abzufahren.
Der Mensch kann noch die Tafel lesen:
jawohl, es wär sein Zug gewesen.












Der Termin

Ein Mensch, der sich, weils weit noch hin,
Festlegen ließ auf den Termin,
Sieht jetzt, indes die Wochen schmelzen,
Die schwere Last sich näher wälzen,
Er sucht nach Gründen, abzusagen,
Er träumt, noch in den letzten Tagen,
Wie einst als Schulbub, zu entwischen:
Ein schwerer Unfall käm dazwischen ...
Umsonst - es bleibt ein leerer Wahn:
Der schicksalsvolle Tag bricht an! -
Und geht dann doch vorüber, gnädig.
Der Mensch ist froh, der Sorgen ledig,
Er schwört er hab daraus gelernt -
Doch wie sich Tag um Tag entfernt,
Hat Angst und Qualen er vergessen -
Und lässt sich unversehens pressen
Zu noch viel scheusslicherm Termin -
Denn es ist weit und weit noch hin.









Der Rechthaber

Ein Mensch mit Fahrschein zweiter Klasse
kriegt dort nicht Platz; jedoch in Masse, -
was vorkommt bei der Eisenbahn -
gibts Platz in dritter, nebenan.
Der Mensch jedoch, viel lieber steht er
so drei-, vierhundert Kilometer
im Gang der zweiten, statt auf Plätzen
der dritten Klasse sich zu setzen -
weil er, und darauf besteht er glatt,
auf zweite Klasse Anspruch hat.










Der Mahner

Ein Mensch, der lange schon, bevor
Das Unheil kam, die Welt beschwor,
Blieb leider völlig ungehöhrt...
Jetzt kommts! Und jeder schreit empört:
Schlag doch zuerst den Burschen tot –
Er hat schon lang damit gedroht!











Ausgleich

So mancher hat sich wohl die Welt
Bedeutend besser vorgestellt -
Getrost! Gewiß hat sich auch oft
Die Welt viel mehr von ihm erhofft!



Das beste Alter

Das beste Alter für den Mann:
Wo er schon weiß, wo er noch kann!




Das Schlimmste

Ein Mensch erkennt: Sein ärgster Feind:
Ein Unmensch, wenn er menschlich scheint!




Das Sprungbrett

Ein Mensch, den es nach Ruhm gelüstet,
Besteigt, mit großem Mut gerüstet,
Ein Sprungbrett - und man denkt, er liefe
Nun vor und spränge in die Tiefe,
Mit Doppelsalto und dergleichen
Der Menge Beifall zu erreichen.
Doch läßt er, angestaunt von vielen,
Zuerst einmal die Muskeln spielen,
Um dann erhaben vorzutreten,
Als gält's, die Sonne anzubeten.
Ergriffen schweigt das Publikum -
Doch er dreht sich gelassen um
Und steigt, fast möcht man sagen, heiter
Und vollbefriedigt von der Leiter.
Denn, wenn auch scheinbar nur entschlossen,
Hat er doch sehr viel Ruhm genossen,
Genau genommen schon den meisten -
Was sollt er da erst noch was leisten?


Denker

Ein Mensch ist sonst ein Denk-Genie.
Nur eins: an andre denkt er nie!






Der Baum

Zu fällen einen schönen Baum,
braucht’s eine Viertelstunde kaum.
Zu wachsen, bis man ihn bewundert,
braucht er, bedenkt es, ein Jahrhundert.



Der Kenner

Ein Mensch sitzt stolz, programmbewehrt,
In einem besseren Konzert,
Fühlt sich als Kenner überlegen -
Die anderen sind nichts dagegen.
Musik in den Gehörgang rinnt,
Der Mensch lauscht kühn verklärt und sinnt.
Kaum daß den ersten Satz sie enden,
Rauscht er schon rasend mit den Händen
Und spricht vernehmliche und kluge
Gedanken über eine Fuge
Und seufzt dann, vor Begeisterung schwach:
''Nein, wirklich himmlisch, dieser Bach!''
Sein Nachbar aber grinst abscheulich:
''Sie haben das Programm von neulich!''
Und sieh, woran er gar nicht dachte:
Man spielt heut abend Bruckners Achte.
Und jäh, wie Simson seine Kraft,
Verliert der Mensch die Kennerschaft.



Der Kreisel

Ein Mensch hat einen Kreisel, rund,
Bemalt in sieben Farben, bunt.
Er peitscht ihn an, der Kreisel schwirrt,
Bis schneller er und grauer wird...
Soll unser Leben bunter bleiben,
Darf mans nicht allzu munter treiben.

























Antiskepsis

Wenn man den Zweifel nicht kuriert,
gar leicht daraus Verzweiflung wird.



Arbeiter der Stirn

Ein Mensch sitzt kummervoll und stier
Vor einem weißen Blatt Papier.
Jedoch vergeblich ist das Sitzen -
Auch wiederholtes Bleistiftspitzen
Schärft statt des Geistes nur den Stift.
Selbst der Zigarre bittres Gift,
Kaffee gar, kannenvoll geschlürft,
Den Geist nicht aus den Tiefen schürft,
Darinnen er, gemein verbockt,
Höchst unzugänglich einsam hockt.
Dem Menschen kann es nicht gelingen,
Ihn auf das leere Blatt zu bringen.
Der Mensch erkennt, dass es nichts nützt,
Wenn er den Geist an sich besitzt,
Weil Geist uns ja erst Freude macht,
Sobald er zu Papier gebracht.





Ausgerechnet...

Ein Mensch, von kleinauf, wird belehrt,
Daß sich sein Leben selbst erschwert,
Wer, statt daß er am Schopf sie faßt,
Stets die Gelegenheit verpaßt.
Nun endlich, voll Verwegenheit,
Ergreift er die Gelegenheit.
Erst viel zu spät wird es ihm klar,
Daß diesmal just es keine war.



Ausgleich

So mancher hat sich wohl die Welt
Bedeutend besser vorgestellt -
Getrost! Gewiß hat sich auch oft
Die Welt viel mehr von ihm erhofft!



Ausnahme

Ein Mensch fällt jäh in eine Grube,
die ihm gegraben so ein Bube,
Wie? denkt der Mensch, das kann nicht sein:
Wer Gruben gräbt, fällt selbst hinein! -
Das mag vielleicht als Regel gelten:
Ausnahmen sind aber nicht selten.




Ausweg

Wer krank ist, wird zur Not sich fassen.
Gilt's, dies und das zu unterlassen.
Doch meistens zeigt er sich immun,
Heißt es, dagegen was zu tun.
Er wählt den Weg meist, den bequemen,
Was ein- statt was zu unternehmen!






Bescheidenheit

Ein Mensch möcht erste Geige spielen -
jedoch das ist der Wunsch von vielen,
so daß sie gar nicht jedermann,
selbst wenn er's könnte, spielen kann:
Auch Bratsche ist für den, der's kennt,
ein wunderschönes Instrument.








Besorgung

Ein Mensch geht eines Vormittages,
Gewärtig keines Schicksalsschlages,
Geschäftig durch die große Stadt,
Wo viel er zu besorgen hat.

Doch schon trifft ihn der erste Streich:
Ein Türschild tröstet: "Komme gleich!"
Gleich ist ein sehr verschwommnes Wort,
Der Mensch geht deshalb wieder fort,

Zum zweiten Ziele zu gelangen:
"Vor fünf Minuten weggegangen..."
Beim dritten hat er auch kein Glück:
"Kommt in acht Tagen erst zurück!"

Beim vierten heißt´s nach langem Lauern:
"Der Herr Direktor läßt bedauern..."
Ein überfülltes Wartezimmer
Beim fünften raubt den Hoffnungsschimmer.

Beim sechsten stellt es sich heraus:
Er ließ ein Dokument zu Haus.
Nun kommt der siebte an die Reih:
"Geschlossen zwischen zwölf und zwei!"

Der Mensch, von Wut erfüllt zum Bersten,
Beginnt nun noch einmal beim ersten.
Da werden Ihm die Knie weich:
Dort steht noch immer: "Komme gleich!"

























BEIM EINSCHLAFEN

Ein Mensch möcht sich im Bette strecken,
Doch hindern die zu kurzen Decken.
Es friert zuerst ihn an den Füßen,
Abhilfe muss die Schulter büßen.
Er rollt nach rechts und meint, nun gings,
Doch kommt die Kälte prompt von links.
Er rollt nach links herum, jedoch
Entsteht dadurch von rechts ein Loch.
Indem der Mensch nun dies bedenkt,
Hat Schlaf sich mild auf ihn gesenkt
Und schlummernd ist es ihm geglückt:
Er hat sich warm zurechtgerückt.

Natur vollbringt oft wunderbar,
was eigentlich nicht möglich war.



Billiger Rat

Ein Mensch nimmt alles viel zu schwer.
Ein Unmensch naht mit weiser Lehr
Und rät dem Menschen: "Nimms doch leichter!"
Doch grad das Gegenteil erreicht er:
Der Mensch ist obendrein verstimmt,
Wie leicht man seine Sorgen nimmt.


Bücher

Ein Mensch, von Büchern hart bedrängt,

an die er lang sein Herz gehängt,

beschließt voll Tatkraft, sich zu wehren,

eh sie kaninchenhaft sich mehren.

Sogleich, aufs äußerste ergrimmt,

er ganze Reihn von Schmökern nimmt

und wirft sie wüst auf einen Haufen,

sie unbarmherzig zu verkaufen.

Der Haufen liegt, so wie er lag,

am ersten, zweiten, dritten Tag.

Der Mensch beäugt ihn ungerührt

und ist dann plötzlich doch verführt,

noch einmal hinzusehn genauer -

sieh da, der schöne Schopenhauer...

und schlägt ihn auf und liest und liest,

und merkt nicht, wie die zeit verfließt...

Beschämt hat er nach Mitternacht

ihn auf den alten Platz gebracht.

Dorthin stellt er auch eigenhändig

den Herder, achtundzwanzigbändig.

E.T.A Hoffmanns Neu-Entdeckung

schützt diesen auch vor Zwangs-Vollstreckung.

Kurzum, ein Schmöker nach dem andern

darf wieder auf die Bretter wandern.

Der Mensch, der so mit halben taten

beinah schon hätt den Geist verraten,

ist nun getröstet und erheitert,

dass die Entrümpelung gescheitert.





Das Böse

Ein Mensch pflückt, denn man merkt es kaum,
ein Blütenreis von einem Baum.
ein andrer Mensch, nach altem Brauch,
denkt sich, was der tut, tu ich auch.

Ein dritter, weils schon gleich ist, fasst
jetzt ohne Scham den vollen Ast,
und sieh, nun folgt ein Heer von Sündern,
den armen Baum ganz leer zu plündern.

Von den Verbrechern war der erste,
wie wenig er auch tat, der schwerste.
Er nämlich übersprang die Hürde
der unantastbar reinen Würde.




Das Ferngespräch

Ein Mensch spricht fern, geraume Zeit,
Mit ausgesuchter Höflichkeit,
Legt endlich dann, mit vielen süßen
Empfehlungen und besten Grüßen
Den Hörer wieder auf die Gabel-
Doch tut er noch mal auf den Schnabel
(Nach all dem freundlichen Gestammel)
Um dumpf zu murmeln: Blöder Hammel !
Der drüben öffnet auch den Mund
Zu der Bemerkung: Falscher Hund !
So einfach wird oft auf der Welt
Die Wahrheit wieder hergestellt.



Der starke Kaffee

Ein Mensch, der viel Kaffee getrunken,
Ist nachts in keinen Schlaf gesunken.
Nun muss er zwischen Tod und Leben
Hoch überm Schlummerabgrund schweben
Und sich mit flatterflinken Nerven
Von einer Angst zur andern werfen
Und wie ein Affe auf dem schwanken
Gezweige turnen der Gedanken,
Muss über die geheimsten Wurzeln
Des vielverschlungnen Daseins purzeln
Und hat verlaufen sich alsbald
Im höllischen Gehirn-Urwald.
In einer Schlucht von tausend Dämpfen
Muss er mit Spukgestalten kämpfen,
Muss, von Gespenstern blöd geäfft,
An Weiher, Schule, Krieg, Geschäft
In tollster Überblendung denken
Und dann sich nicht ins Nichts versenken.
Der Mensch in selber Nacht beschließt,
Dass er Kaffee nie mehr genießt.
Doch ist vergessen alles Weh
Am andern Morgen - beim Kaffee.



Die Torte

Ein Mensch kriegt eine schöne Torte.
Drauf stehen in Zuckerguss die Worte:
Zum heutigen Geburtstag Glück!
Der Mensch isst selber nicht ein Stück,
doch muss er in gewaltigen Keilen
Das Wunderwerk ringsum verteilen.
Das Glück, das heu, der tag verschwindet,
Und als er nachts die Torte findet,
Da ist der Text nur mehr ganz kurz.
Er lautet nämlich nur noch: burts..
Der Mensch zur Freude jäh entschlossen,
Hat diesen Rest vergnügt genossen.



Ein Mensch, der von der Welt bekäme,
Was er ersehnt - wenn er's nur nähme,
Bedenkt die Kosten und sagt nein.
Frau Welt packt also wieder ein.
Der Mensch - nie kriegt er's mehr so billig! -
Nachträglich wär er zahlungswillig.
Frau Welt, noch immer bei Humor,
Legt ihm sogleich was andres vor:
Der Preis ist freilich arg gestiegen;
Der Mensch besinnt sich und läßt's liegen.
Das alte Spiel von Wahl und Qual
Spielt er ein drittes, viertes Mal.
Dann endlich ist er alt und weise
Und böte gerne höchste Preise.
Jedoch, sein Anspruch ist vertan,
Frau Welt, sie bietet nichts mehr an
Und wenn, dann lauter dumme Sachen,
Die nur der Jugend Freude machen,
Wie Liebe und dergleichen Plunder,
Statt Seelenfrieden mit Burgunder . . .








Der Ofen

Ein Mensch, der einen Ofen hat,
Zerknüllt ein altes Zeitungsblatt,
Steckt es hinein und schichtet stolz
Und kunstgerecht darauf das Holz
Und glaubt, indem er das entzündet,
Die Hoffnung sei nicht unbegründet,
Dass nun mit prasselndem Gelärme
Das Holz verbrenne und ihn wärme.
Er denkt mit Kohlen nicht zu geizen,
Kurzum, sich gründlich einzuheizen.
Jedoch, aus seines Ofens Bauch
Quillt nichts als beizend kalter Rauch.
Der Mensch, von Wesensart geduldig,
Hält sich allein für daran schuldig
Und macht es nun noch kunstgerechter.
Der Ofen zieht nur um so schlechter,
Speit Rauch und Funken wild wie Fafner.
Nun holt der Mensch sich einen Hafner.
Der Hafner redet lang und klug
Von Politik und falschem Zug,
Vom Wetter und vom rechten Roste
Und sagt, dass es fünf Reichsmark koste.
Der Mensch ist nun ganz überzeugt,
Dem Ofen, fachgemäß beäugt
Und durchaus einwandfrei befunden,
Sei jetzt die Bosheit unterbunden.
Um zu verstehn des Menschen Zorn,
Lies dies Gedicht noch mal von vorn.








Die guten Bekannten

Ein Mensch begegnet einem zweiten.

Sie wechseln Förm- und Herzlichkeiten,

Sie zeigen Wiedersehensglück

Und gehn zusammen gar ein Stück.

Und während sie die Stadt durchwandern

Sucht einer heimlich von dem andern

Mit ungeheurer Hinterlist

Herauszubringen, wer er ist.

Das sie sich kennen, das steht fest,

Doch äußerst dunkel bleibt der Rest.

Das Wo und Wann, das Wie und Wer,

Das wissen alle zwei nicht mehr.

Doch sind sie, als sie nun sich trennen,

Zu feig, die Wahrheit zu bekennen.

Sie freun sich, dass sie sich getroffen;

Jedoch im Herzen beide hoffen,

Indes sie ihren Abschied segnen,

Einander nie mehr zu begegnen.




Ein Mensch von bangen Zweifeln voll

ist unentschlossen, was er soll.

Ha, denkt er da in seinem Grimme:

Wozu hab ich die innre Stimme?

Er lauscht gespannten Angesichts -

Jedoch, er hört und hört halt nichts.

Er horcht noch inniger und fester:

Nun tönt es wild wie ein Orchester.

Wo wir an sich schon handeln richtig,

Macht sich die innre Stimme wichtig.

Zu sagen uns: Du sollst nicht töten,

ist sie nicht eigentlich vonnöten.

Doch wird sie schon beim Ehebrechen

Nicht mehr so unzweideutig sprechen.

Ja, wenn es klar in uns erschälle:

Hier spricht der Himmel, hier die Hölle!

Doch leider können wir vom Bösen

Das Gute gar nicht trennscharf lösen.

Ist's die Antenne, sind's die Röhren,

Die uns verhindern, gut zu hören?

Ist's, weil von unbekanntem Punkt

Ein schwarzer Sender zwischenfunkt?

Der Mensch umschwirrt von so viel Wellen

Beschließt, die Stimme abzustellen.

Gleichviel, ob er das Richtige tue,

Hat er zum mindesten jetzt Ruhe.





Ein Mensch von gründlicher Natur

Macht bei sich selber Inventur.

Wie manches von den Idealen,

Die er einst teuer musste zahlen,

Gibt er, wenn auch nur widerwillig,

Weit unter Einkaufspreis, spottbillig.

Auf einen Wust von holden Träumen

Schreibt er entschlossen jetzt:

"Wir räumen!"

Und viele höchste Lebensgüter

Sind nur mehr alte Ladenhüter.

Doch ganz vergessen unterm Staube

Ist noch ein Restchen alter Glaube,

Verschollen im Geschäftsbetriebe

Hielt sich noch ein Quentchen Liebe,

Und unter wüstem Kram verschloffen

Entdeckt er noch ein Stückchen Hoffen.

Der Mensch, verschmerzend seine Pleite,

Bringt die drei Dinge still beiseite

Und lebt ganz glücklich bis zur Frist,

Wenn er noch nicht gestorben ist.






Einsicht

Ein Mensch beweist uns klipp und klar,
Dass er es eigentlich nicht war.
Ein andrer Mensch mit Nachdruck spricht:
Wer es auch sei - ich war es nicht!
Ein dritter lässt uns etwas lesen,
Wo drinsteht, dass er's nicht gewesen.
Ein vierter weist es weit von sich:
Wie? sagt er, was? Am Ende ich?
Ein fünfter überzeugt uns scharf,
Dass man an ihn nicht denken darf.
Ein sechster spielt den Ehrenmann,
Der es gewesen nicht sein kann.
Ein siebter - kurz, wir sehen's ein:
Kein Mensch will es gewesen sein.
Die Wahrheit ist in diesem Falle:
Mehr oder minder warn wir's alle!




Erfolgloser Liebhaber

Ein Mensch wollt sich ein Weib erringen,
Doch leider konnts ihm nicht gelingen.
Er ließ sich drum, vor weitern Taten,
Von Frauen und Männern wohl beraten:
"Nur nicht gleich küssen, tätscheln, tappen!"
"Greif herzhaft zu, dann muss es klappen"
"Lass deine ernste Absicht spüren!"
"Sei leicht und wahllos im Verführen!"
"Der Seele Reichtum lege bloß!"
"Sei scheinbar kalt und rücksichtslos!"
Der Mensch hat alles durchgeprobt,
Hat hier sich ehrenhaft verlobt,
Hat dort sich süß herangeplaudert,
Hat zugegriffen und gezaudert,
Hat Furcht und Mitleid auferweckt,
Hat sich verschwiegen, sich entdeckt,
War zärtlich kühn, war reiner Tor,
Doch wie er's machte - er verlor.
Zwar stimmte jeder Rat genau,
Doch jeweils nicht für jede Frau!






Kleine Ursachen

Ein Mensch - und das geschieht nicht oft -
Bekommt Besuch, ganz unverhofft,
Von einem jungen Frauenzimmer,
Das grad, aus was für Gründen immer -
Vielleicht aus ziemlich hintergründigen -
Bereit ist, diese Nacht zu sündigen.
Der Mensch müsst nur die Arme breiten,
Dann würde sie in diese gleiten.
Der Mensch jedoch den Mut verliert,
Denn leider ist er unrasiert.
Ein Mann mit schlechtgeschabtem Kinn
Verfehlt der Stunde Glücksgewinn,
Und wird er schließlich doch noch zärtlich,
Wird er's zu schwach und auch zu bärtlich.
Infolge schwacher Reizentfaltung
Gewinnt die Dame wieder Haltung
Und lässt den Menschen, rau von Stoppeln,
Vergebens seine Müh verdoppeln.
Des Menschen Kinn ist seitdem glatt -
Doch findet kein Besuch mehr statt.





Klugheit

Ein Mensch war eigentlich ganz klug,-

und schließlich doch nur klug genug,-

um einzusehen, schmerzlich klar,-

wie blöd er doch im Grunde war,-

unselig zwischen beiden Welten,-

wo Weisheit und wo Klugheit gelten,-

ließ seine Klugheit er verkümmern,-

und zählt nun glücklich zu den Dümmer'n.





Lebensangst

Oft hat man schrecklich Angst vorm Leben,
Doch mit der Zeit wird sich das geben!
Das Leben ist ein alter Brauch
Und andere Leute leben auch.
Obwohl sie's eigentlich nicht können -
Rezept: Der bösen Welt nicht gönnen,
Daß sie verächtlich auf uns schaut!
Nur frisch der eignen Kraft vertraut!
Am Leben krankt nur, wer gescheit -
Gesunde Dummheit, die bringt's weit!



Memento Mori

Ein Mensch, von Arbeit überhäuft,
indes die Zeit von dannen läuft,
hat zu erledigen eine Menge,
und kommt, so sagt man, ins Gedränge.

Inmitten all der Zappelnot
trifft ihn der Schlag, und er ist tot.
Was grad so wichtig noch erschienen,
fällt hin: Was bleibt von den Terminen?
Nur dieser einzige zuletzt:
Am Mittwoch wird er beigesetzt -
und schau, den hält er pünktlich ein,
denn er hat Zeit jetzt, es zu sein.




MORGENGLÜCK
Aneinander erwachen

Aus ahnendem Traum

Die Augen aufmachen

In klingendem Raum



Die Hände fühlen

Und schlafenswarm

Hinüberspülen

In deinen Arm



So süß gebettet

So Blut an Blut

So sanft gerettet

Aus Nacht und Flut



Im Grenzenlosen

So still zu zweit....

Der Tag weht Rosen

So leicht, so weit





Schütteln

Auf Flaschen steht bei flüssigen Mitteln,
Man müsse vor Gebrauch sie schütteln.
Und dies begreifen wir denn auch -
Denn zwecklos ist es nach Gebrauch.
Auch Menschen gibt es, ganz verstockte,
Wo es uns immer wieder lockte,
Sie herzhaft hin- und herzuschwenken,
In Fluß zu bringen so ihr Denken,
Ja, sie zu schütteln voller Wut -
Doch lohnt sich nicht, daß man das tut.
Man laß sie stehn an ihrem Platz
Samt ihrem trüben Bodensatz.





Seltsam genug


Ein Mensch erlebt den krassen Fall,
Es menschelt deutlich, überall -
Und trotzdem merkt man, weit und breit
Oft nicht die Spur von Menschlichkeit





Sprichwörtliches

Ein Mensch bemerkt mit bittrem Zorn,

dass keine Rose ohne Dorn.

Doch muss ihn noch viel mehr erbosen,

dass sehr viel Dornen ohne Rosen.





Trauriger Fall

Ein Mensch, der manches liebe Jahr
Mit seinem Weib zufrieden war,
Dann aber plötzlich Blut geleckt hat,
Denkt sich: "Varietas delectat -"
Und schürt ein letztes, schwaches Feuer
Zu einem wilden Abenteuer.
Jedoch bemerkt er mit Erbosen,
Dass seine alten Unterhosen
Ausschließlich ehelichen Augen
Zur Ansicht, vielmehr Nachsicht, taugen
Und dass gewiß auch seine Hemden
Ein fremdes Weib noch mehr befremden,
Dass, kurz, in Hose, Hemd und Socken
Er Welt und Halbwelt nicht kann locken.
Der Mensch, der innerlich noch fesche,
Nimmt drum, mit Rücksicht auf die Wäsche,
Endgültig Abschied von der Jugend
Und macht aus Not sich eine Tugend.




Ungleicher Kampf

Ein Mensch von innerem Gewicht

Liebt eine Frau. Doch sie ihn nicht.

Doch dass sie ihn nicht ganz verlöre

Tut sie, als ob sie ihn erhöre.

Der Mensch hofft deshalb unverdrossen,

Sie habe ihn ins Herz geschlossen,

Darin er, zwar noch unansehnlich,

Bald wachse - einer Perle ähnlich.

Doch sieh, da kommt schon eins - zwei - drei

Ein eitler, junger Fant herbei,

Erlaubt sich einen kleinen Scherz,

Gewinnt im Fluge Hand und Herz.



Ein Mensch, selbst als gereifte Perle,

ist machtlos gegen solche Kerle.





Voreilige Grobheit

Ein Mensch, der einen Brief geschrieben,

ist ohne Antwort drauf geblieben

und fängt nun , etwa nach vier Wochen,

vor Wut erheblich an zu kochen.

Er schreibt, obgleich er viel verscherzt,

noch einen Brief, der sehr beherzt,

ja, man kann sagen, voller Kraft,

ganz ehrlich: äußerst flegelhaft!

Nun nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Denn diesen Brief gibt er auch auf!

Die Post wird pünktlich ihn besorgen -

Doch siehe da, am nächsten Morgen

ist leider, wider alles Hoffen,

bei ihm die Antwort eingetroffen,

in der von jenem Herrn zu lesen,

er sei so lang vereist gewesen,

nun sei er aber wieder hiesig

und freue sich daher ganz riesig,

und er - der Mensch - könnt mit Vergnügen

nach Wunsch ganz über ihn verfügen.

Der Mensch, der mit dem Brief, dem groben,

sein Seelenkonto abgehoben,

nein, noch viel tiefer sich versündigt:

Das Los zum Ziehungstag gekündigt,

schrieb noch manch groben Brief im Leben -

Doch ohne ihn dann aufzugeben!





Warte

Warte dass die Nacht noch tiefer werde

ehe du dich grenzenlos ergibst

Trinke erst den Dämmerrausch der Erde

ehe du mich liebst.

Dann wenn alle lauten Stimmen schweigen

klingt nur mehr die Nacht. Ganz groß und klar.

Und ich will mich leuchtend niedereigen

Traumhaft auf dein Haar.

Und ganz alte Lieder, lang verschollen

singen leis, oh leis durch deine Brust.

Die Unsagbares dir sagen wollen

dass du weinen musst.

Und du wirst dich schweigend an mich lehnen

wie von tausend Liebesnächten schwer.

Und du wirst dein letztes Glück ersehen

mehr als mich, viel mehr...

Warte dass die Nacht noch tiefer werde

ehe du dich grenzenlos ergibst.

Und du trinkst den Himmel und die Erde

wenn du mich dann liebst.






Ahnungslos

Ein Mensch hört staunend und empört,
Dass er, als Unmensch, alle stört:
Er nämlich bildet selbst sich ein,
Der angenehmste Mensch zu sein.
Ein Beispiel macht Euch solches klar:
Der Schnarcher selbst schläft wunderbar.



Allzu eifrig

Ein Mensch sagt - und ist stolz darauf -
Er geht in seinen Pflichten auf.
Bald aber, nicht mehr ganz so munter,
Geht er in seinen Pflichten unter.
























































 
   






Versagen der Heilkunst

Ein Mensch, der von der Welt Gestank
Seit längrer Zeit schwer nasenkrank,
Der weiterhin auf beiden Ohren
Das innere Gehör verloren,
Und dem zum Kotzen ebenfalls
Der Schwindel raushängt schon zum Hals,
Begibt sich höflich und bescheiden
Zum Facharzt für dergleichen Leiden.
Doch dieser meldet als Befund,
Der Patient sei kerngesund,
Die Störung sei nach seiner Meinung
Nur subjektive Zwangserscheinung.
Der Mensch verlor auf dieses hin
Den Glauben an die Medizin.







Vieldeutung

Ein Mensch schaut in der Zeit zurück
und sieht, sein Unglück war sein Glück.




Volle Züge

Ein Mensch, der sonst zwar das Vergnügen
Recht gern genießt in vollen Zügen,
Legt grad beim Reisen, umgekehrt
auf volle Züge wenig wert.






Vorsicht!

Ein Mensch wähnt, in der fremden Stadt,
wo er Bekannte gar nicht hat,
in einem Viertel, weltverloren,
dürft ungestraft er Nase bohren,
weil hier, so denkt er voller List,
er ja nicht der ist, der er ist.
Zwar er entsinnt sich noch entfernt
des Spruchs, den er als Kind gelernt:
"Ein Auge ist, das alles sieht,
auch was in finstrer Nacht geschieht!"
Doch hält er dies für eine Phrase
und bohrt trotzdem in der Nase.
Da ruft's - er möcht versinken schier -
"Herr Doktor, was tun Sie denn hier?"
Der Mensch muß, obendrein als Schwein,
der, der er ist, nun wirklich sein.
Moral: Zum Auge Gottes kann
auf Erden werden jedermann.




Warnung

Ein Mensch, verführt von blindem Zorn
Bläst in das nächste beste Horn.
Nun merkt er, nach dem ersten Rasen,
Daß er ins falsche Horn geblasen.
Zu spät! Der unerwünschte Ton
Ist laut in alle Welt entflohn.
Wenn schon Moral, dann wär es diese:
Daß man am besten gar nicht bliese!




Warte

Warte, dass die Nacht noch tiefer werde
ehe du dich grenzenlos ergibst
Trinke erst den Dämmerrausch der Erde
ehe du mich liebst.
Dann wenn alle lauten Stimmen schweigen
klingt nur mehr die Nacht. Ganz groß und klar.
Und ich will mich leuchtend niedereigen
Traumhaft auf dein Haar.
Und ganz alte Lieder, lang verschollen
singen leis, oh leis durch deine Brust.
Die Unsagbares dir sagen wollen
dass du weinen musst.
Und du wirst dich schweigend an mich lehnen
wie von tausend Liebesnächten schwer.
Und du wirst dein letztes Glück ersehen
mehr als mich, viel mehr...
Warte dass die Nacht noch tiefer werde
ehe du dich grenzenlos ergibst.
Und du trinkst den Himmel und die Erde
wenn du mich dann liebst.



Wichtiger

Im Alter werden Freunde selten:
Drum, die du hast, die lasse gelten!
Recht kannst du manchmal leicht behalten,
Doch schwer den Freund, den guten, alten!

























Man wird bescheiden

Ein Mensch erhofft sich fromm und still,
Daß er einst das kriegt, was er will.
Bis er dann doch dem Wahn erliegt
Und schließlich das will, was er kriegt.







Metaphysisches

Ein Mensch erträumt, was er wohl täte,
Wenn wieder er die Welt beträte.
Dürft er zum zweiten Male leben,
Wie wollt er nach dem Guten streben
Und streng vermeiden alles Schlimme!
Da ruft ihm zu die innre Stimme:
"Hör auf mit diesem Blödsinn, ja?!
Du bist zum zwölften Mal schon da!"




Optische Täuschung

Ein Mensch sitzt stumm und liebeskrank
Mit einem Weib auf einer Bank:
Er nimmt die bittre Wahrheit hin,
Daß sie zwar liebe, doch nicht ihn.
Ein andrer Mensch geht still vorbei
Und denkt, wie glücklich sind die zwei,
Die - in der Dämmrung kann das täuschen -
Hier schwelgen süß in Liebesräuschen.
Der Mensch in seiner Not und Schmach
Schaut trüb dem andern Menschen nach
Und denkt, wie glücklich könnt ich sein,
Wär ich so unbeweibt allein.
Darin besteht ein Teil der Welt,
Daß andre man für glücklich hält.







Phantastereien

Ein Mensch denkt nachts in seinem Bette,
was er gern täte, wäre, hätte.
Indes schon Schlaf ihn leicht durchrinnt,
er einen goldnen Faden spinnt
und spinnt und spinnt sich ganz zurück
in Märchentraum und Kindergläck.

Er möchte eine Insel haben,
darauf ein Schloß mit Wall und Graben,
das so geheimnisreich befestigt,
daß niemand ihn darin belästigt.

Dann möchte er ein Schiff besitzen
mit selbsterfundenen Geschützen,
daß ganze Länder, nur vom Zielen,
in gläserne Erstarrung fielen.

Dann wünscht er sich ein Zauberwort,
damit den Nibelungenhort -
Tarnkappe, Ring und Schwert - zu heben.

Dann möcht er tausend Jahre leben,
dann möcht er... doch er findet plötzlich
dies Traumgeplantsch nicht mehr ergötzlich.
Er schilt sich selbst: "Hanswurst, saudummer!"
Und sinkt nun augenblicks in Schlummer.






Probleme

Ein Jungeselle, hartgesotten,
Kann leicht der weichern Menschen spotten,
Die, büßend ihre Fleischessünden,
Nachgeben und Familien gründen.
Allein reist einer unbehindert;
Doch was tut einer, der bekindert?
Leicht wär es, sie daheim zu lassen -
Hätt man nur wen, drauf aufzupassen!
Entschließt man sich, sie mitzunehmen,
Gibt's eine Fülle von Problemen,
Wie man es geldlich macht und nervlich.
Und Wankelmut ist ganz verwerflich.
Ja, wer gebunden kind- und keglich,
Braucht Schwung - sonst wird er unbeweglich.





Saubere Brüder

Ein Mensch sieht Hand von Hand gewaschen.
Und doch - es muß ihn überraschen,
Daß der Erfolg nur ein geringer:
Zum Schluß hat alles schmierige Finger!





Schütteln

Auf Flaschen steht bei flüssigen Mitteln,
Man müsse vor Gebrauch sie schütteln.
Und dies begreifen wir denn auch -
Denn zwecklos ist es nach Gebrauch.
Auch Menschen gibt es, ganz verstockte,
Wo es uns immer wieder lockte,
Sie herzhaft hin- und herzuschwenken,
In Fluß zu bringen so ihr Denken,
Ja, sie zu schütteln voller Wut -
Doch lohnt sich nicht, daß man das tut.
Man laß sie stehn an ihrem Platz
Samt ihrem trüben Bodensatz.




Seelische Gesundheit

Ein Mensch frisst viel in sich hinein:
Missachtung, Ärger, Liebespein.
Und jeder fragt mit stillem Graus:
Was kommt da wohl einmal heraus?
Doch sieh! Nur Güte und Erbauung.
Der Mensch hat prächtige Verdauung.




So und so

Ein Mensch, der knausernd, ob er's sollte,
Ein magres Trinkgeld geben wollte,
Vergriff sich in der Finsternis
Und starb fast am Gewissensbiß.
Der andre, bis ans Lebensende,
Berichtet gläubig die Legende
Von jenem selten noblen Herrn -
Und alle Leute hören's gern.
Ein zweiter Mensch, großmütig, fein,
Schenkt einem einen großen Schein.
Und der, bis an sein Lebensende
Verbreitet höhnisch die Legende
Von jenem Tölpel, der gewiß
Getäuscht sich in der Finsternis. -






Strohwitwer

Der Urlaub ist erholsam meist
nicht nur für den, der in ihn reist;
auch den, der dableibt, freut die Schonung,
die er geniesst in stiller Wohnung.
So zählen zu den schönsten Sachen
oft Reisen, die die andern machen!



Trost

Ein Mensch, entschlußlos und verträumt,
hat wiederholt sein Glück versäumt.
Doch ist der Trost ihm einzuräumen
Man kann sein Unglück auch versäumen.







Undank

Ein guter Arzt weiß gleich oft, wo.
Statt daß man dankbar wär und froh,
Ist man so ungerecht und sagt:
"Der hat sich auch nicht arg geplagt!"
Ein andrer tappt ein Jahr daneben -
Mild heißt's: "Müh hat er sich gegeben!"






Variationen

Ein Mensch, bei Weibern nichts erreicht. -
Ein zweiter meint: "... und ist so leicht!"
Der wiederum, so weiberstark,
Müht sich vergebens um zehn Mark.
Der Mensch, nicht in der Gunst der Weiber,
Verdient die leicht, als Zeitungsschreiber.
Nun kommt ein Fall, besonders bitter:
Ganz geld- und weiblos bleibt ein dritter.
Ein vierter prahlt mit üblen Siegen:
Mit Geld sind Weiber leicht zu kriegen.
Der fünfte ist der wahre Held:
Durch Weiber erst kommt er zu Geld!




Verdienter Hereinfall

Ein Mensch kriegt einen Kitsch gezeigt,
Doch anstatt daß er eisig schweigt,
Lobt er das Ding, das höchstens nette,
Fast so, als ob er's gerne hätte.
Der Unmensch, kann er es so billig,
Zeigt unverhofft sich schenkungswillig
Und sagt, ihn freu's, daß an der Gabe
Der Mensch so sichtlich Freude habe.
Moral: Beim Lobe stets dran denken,
Man könnte dir dergleichen schenken!






Vergebliche Einsicht

Ein Mensch, der hinnahm Streich um Streich,
Sprach zu sich selbst:"Ich bin zu weich!
Ab heut entfalt ich Kraft und Witz:
Ich werde hart, ich werde spitz!"
Doch mußt er an sich selbst verzagen:
Schon war er wieder breitgeschlagen!




Vergebliche Mühe

Dem Kinde, wie's auch heult und stöhnt,
Wird wohl die Flasche abgewöhnt.
Jedoch das ewige Kind im Mann
Gewöhnt sie sich dann wieder an.


















Überraschungen

Ein Mensch dem Sprichwort Glauben schenkt:
'S kommt alles anders, als man denkt -
Bis er dann die Erfahrung macht:
Genau so kams, wie er gedacht.







Trauriger Fall II

Ein Mensch ist leider ziemlich schüchtern
Und ohne Schwung, so lang er nüchtern.
Doch zündet kaum bei ihm der Funken,
Ists schon zu spät: er ist betrunken.
So muss er immmer wieder scheitern:
Nie glückts ihm, sich nur anzuheitern.







Steinleiden

Ein Nieren- oder Gallenstein
Mag ungeheuer schmerzhaft sein.
Wer aber redet von den Schmerzen,
Die oft ein Stein macht auf dem Herzen?
Das ist der beste Arzt der Welt,
Der macht, daß er herunterfällt!


















Relativität

Wer Hunger hat, der isst sich satt,
vorausgesetzt, dass er was hat.

Wer Liebe fühlt, zeigt sich als Mann,
vorausgesetzt, dass er das kann.

Wer Wahrheit liebt, der urteilt scharf,
vorausgesetzt, dass er das darf.

Wer Ruhe sucht, verhält sich still,
vorausgesetzt, dass er das will.

Wer Geld möcht´, schuftet mit Verdruss,
vorausgesetzt, dass er das muss.

Wer sterben soll, stirbt wie ein Christ,
vorausgesetzt, dass er das ist.

Kurz, was uns auf der Welt gelingt,
ist leider ungemein bedingt.








Prüfungen

Ein Mensch gestellt auf eine harte Probe,
Besteht sie, und mit höchstem Lobe.
Doch sieh da: es versagt der gleiche,
Wird er gestellt auf eine weiche!

















Herstellt Euch!

Ein Mensch hat einen andern gern,
Er kennt ihn, vorerst, nur von fern
Und sucht, in längerm Briefewechseln
Die Sache nun dahin zu drechseln,
Daß man einander bald sich sähe
Und kennen lernte aus der Nähe.
Der Mensch, erwartend seinen Gast,
Vor Freude schnappt er über fast.
Die beiden, die in manchem Briefe
Sich zeigten voller Seelentiefe,
Sie finden nun, vereinigt häuslich,
Einander unausstehlich scheußlich.
Sie trennen bald sich, gall- und giftlich -
Und machen's seitdem wieder schriftlich.






Lebenslügen

Ein Mensch wird schon als Kind erzogen
Und, dementsprechend, angelogen.
Er hört die wunderlichsten Dinge,
Wie, dass der Storch die Kinder bringe,
Das Christkind Gaben schenk zur Feier,
Der Osterhase lege Eier.
Nun, er duchschaut nach ein paar Jährchen,
Dass all das nur ein Ammenmärchen.
Doch andre, weniger fromme Lügen
Glaubt bis zum Tod er mit Vergnügen.






Leib und Seele

Ein Mensch mißachtet die Befehle
Des bessern Ich, der zarten Seele -
Bis die beschließt, gekränkt zu schwer:
Mit dem verkehre ich nicht mehr.
Sie lebt seitdem, verbockt und stumm
Ganz teilnahmslos in ihm herum.




Leider

Ein Mensch sieht schon seit Jahren klar:
Die Lage ist ganz unhaltbar.
Allein - am längsten leider hält
Das Unhaltbare auf der Welt.







Mitleid

Das Mitleid kann, selbst echt und rein
mitunter falsch am Platze sein.
Mit Takt gilt es zu unterscheiden,
was jeweils heilsam für ein Leiden,
ob Händedruck aufmunternd, stark,
ob in die Hand gedrückt zehn Mark.




Morgenglück

Aneinander erwachen
Aus ahnenden Traum,
Die Augen aufmachen
In klingenden Raum

Die Hände fühlen
und schlafeswarm
Hinüberspülen
In deinen Arm
So süß gebettet,
So Blut an Blut,
So sanft gerettet
Aus Nacht und Flut

Im Grenzenlosen
So still zu zweit...
Der Tag weht Rosen
So leicht, so weit...







Musikalisches

Ein Mensch, will er auf etwas pfeifen,
darf sich im Tone nicht vergreifen.




Nächtliches Erlebnis

Ein Mensch, der nachts schon ziemlich spät
an ein verworfnes Weib gerät,
das schmelzend Bubi zu ihm sagt
und ihn mit wilden Wünschen plagt,
fühlt zwar als Mann sich süß belästigt,
jedoch im Grund bleibt er gefestigt
und läßt, bedenkend die Gebühren,
zur Ungebühr sich nicht verführen.
Doch zugleich sparsam und voll Feuer
bucht er das dann als Abenteuer.


















Gründliche Einsicht

Ein Mensch sah jedesmal noch klar:
Nichts ist geblieben so, wie's war.-
Woraus er ziemlich leicht ermißt:
Es bleibt auch nichts so, wie's grad ist.
Ja, heut schon denkt er, unbeirrt:
Nichts wird so bleiben, wie's sein wird.




Hausmittel

Kam dir als arglos ruhendem Schläfer
ins Ohr ein Ohrwurm oder Käfer,
der leicht, wenn er darin rumort
bis ins Gehirn sich bohrt,
so sollst du, wie die Alten raten,
dir einen süßen Apfel braten
und diesen halten an dein Ohr.
Und alsbald kriecht der Wurm hervor,
der sich von diesem Leibgericht
mehr als vom Ohrenschmalz verspricht.






Erste Hilfe

Man liest zwar deutlich überall:
Was tun bei einem Unglücksfall?
Doch ahnungslos ist meist die Welt,
Wie sie beim Glücksfall sich verhält.



Gemütsleiden

Es können die Gemütskrankheiten
Nur, wo Gemüt ist, sich verbreiten.
Drum gehen auch, zu unserm Glück,
Gemütskrankheiten stark zurück.





Glück

Wie das Dunkel Well um Well
In mein Zimmer mündet,
Schüchtern wird die Kerze hell,
Die ich angezündet.

Engel rauschen blau herein,
Kühl mit leisen Schwingen,
Tanzen um den goldnen Schein,
Heben an zu singen.

Und wir beide, ich und du,
Halten uns umgschlungen,
Schauen, horchen lächelnd zu,
Bis wir mitverklungen.








Grenzfall

Ein Mensch war eigentlich ganz klug
Und schließlich doch nur klug genug,
Um einzusehen, schmerzlich klar,
Wie blöd er doch im Grunde war.

Unselig zwischen beiden Welten,
Wo Weisheit und wo Klugheit gelten,
Ließ seine Klugheit er verkümmern
und zählt nun glücklich zu den Dümmern.








Gezeiten der Liebe

Ein Mensch schreibt mitternächtig tief
An die Geliebte einen Brief,
Der schwül und voller Nachtgefühl.
Sie aber kriegt ihn morgenkühl,
Liest gähnend ihn und wirft ihn weg.
Man sieht, der Brief verfehlt den Zweck.
Der Mensch, der nichts mehr von ihr hört,
Ist seinerseits mit Recht empört
Und schreibt am hellen Tag, gekränkt
Und saugrob, was er von ihr denkt.
Die Liebste kriegt den Brief am Abend,
Soeben sich entschlossen habend,
Den Menschen dennoch zu erhören -
Der Brief muss diesen Vorsatz stören.
Nun schreibt, die Grobheit abzubitten,
Der Mensch noch einen zarten dritten
Und vierten, fünften, sechsten, siebten
Der herzlos schweigenden Geliebten.
Doch bleibt vergeblich alle Schrift,
Wenn man zuerst danebentrifft.





Kontaktlos

Ein Mensch mag noch so wertlos sein -
Er ist doch nicht nur tauber Stein:
Hat er nicht gleich ein goldnes Herz,
Ein bißchen führt ein jeder Erz:
Seis Silber, Kupfer, Eisen, Zinn,
Ja, seis nur Blei - es steckt was drin.
Jedoch kein Mensch, obwohl er dürft,
In andern Menschen tiefer schürft,
Weil er von vornhinein betont,
Daß sich der Abbau wohl nicht lohnt.






Kunst

Ein Mensch malt, vor Begeist'rung wild,
drei Jahre lang an einem Bild.
Dann legt er stolz den Pinsel hin
und sagt: "Da steckt viel Arbeit drin!"
Doch damit war's dann leider aus:
Die Arbeit kam nicht mehr heraus!






Fahrtberichte

Mein Urgroßvater war einst schon
In Rußland mit Napoleon
Und sagte - neunzig Jahre alt -,
Gefragt, wie's war, ein Wort nur: "Kalt!"
Genau genommen war das klug:
Es wußte jedermann genug.
Auch wir sind ähnlich eingestellt.
Und schon, daß man der schnöden Welt
Die Neugier einmal abgewöhn',
Erklärn wir kurz und bündig: "Schön!"
Und sehn, daß Freund und Weib und Kind
Vollauf damit zufrieden sind.
Klingt auch das Fragen oft beflissen:
Kein Mensch will es im Grunde wissen.




Hilflosigkeiten

Ein Mensch, voll Drang, daß er sich schneuzt,
sieht diese Absicht schnöd durchkreuzt:
Er stellt es fest mit leisem Fluch,
daß er vergaß sein Taschentuch.
Indessen sind Naturgewalten,
wie Niesen, oft nicht aufzuhalten.
Und während nach dem Tuch er angelt,
ob es ihm wirklich völlig mangelt,
beschließt die Nase, reizgepeinigt,
brutal, daß sie sich selber reinigt.
Der Mensch steht da mit leeren Händen...
Wir wollen uns beiseite wenden,
denn es gibt Dinge, welche peinlich
für jeden Menschen, so er reinlich.
Wir wollen keinen drum verachten,
jedoch erst wieder ihn betrachten,
wenn er sich (wie, muß man nicht wissen)
dem Allzumenschlichen entrissen.




Holde Täuschung

Bei Nikotin und Alkohol
Fühlt sich der Mensch besonders wohl.
Und doch, es macht ihn nichts so hin
Wie Alkohol und Nikotin.





Immer falsch

Ein Mensch - seht ihn die Stadt durchhasten! -
Sucht dringend einen Postbriefkasten.
Vor allem an den Straßenecken
Vermeint er solche zu entdecken.
Jedoch, er bleibt ein Nicht-Entdecker
Dafür trifft fast auf jedem Fleck er
Hydranten, Feuermelder an,
Die just er jetzt nicht brauchen kann.

Der Mensch, acht Tage später rennt
Noch viel geschwinder, denn es brennt!
Doch hält das Schicksal ihn zum besten:
An jedem Eck nur Postbriefkästen!




Immer höflich

Ein Mensch grüßt, als ein Mann von Welt,
Wen man ihm einmal vorgestellt.
Er trifft denselben äußerst spärlich,
Wenn´s hochkommt, drei-bis viermal jährlich
Und man begrinst sich, hohl und heiter,
Und geht dann seines Weges weiter.
Doch einmal kommt ein schlechter Tag,
Wo just der Mensch nicht grinsen mag;
Und er geht stumm und starr vorbei,
Als ob er ganz wer andrer sei.
Doch solche Unart rächt sich kläglich:
Von Stund an trifft er jenen täglich.




Je nachdem

Ein Mensch steht an der Straßenbahn.
Grad kommt sie, voll von Leuten, an,
die alle schrein - denn sie sind drin -:
"Bleib draußen, Mensch, 's hat keinen Sinn!"
Der Mensch, der andrer Meinung ist,
drückt sich hinein mit Kraft und List,
ja, man kann sagen, was kein Lob,
unmenschlich, lackelhaft und grob.
Der Mensch, jetzt einer von den Drinnern
kann kaum sich des Gefühls erinnern,
das einer hat, der draußen jammert,
und krampfhaft sich ans Trittbrett klammert.
Er macht sich deshalb breit und brüllt:
"Sie sehn doch - alles überfüllt!"
Doch ginge unser Urteil fehl,
spräch es dem Menschen ab die Seel.
Inzwischen sitzend selbst im Warmen,
spricht er zum Nachbarn voll Erbarmen,
wie man es wohl begreifen solle,
daß jeder Mensch nach Hause wolle.
Ja, mit Humor, sagt er nun heiter,
und gutem Willen käm man weiter!





Jugend

Die Jugend neigt in schlimmen Zeiten
Oft stark zu Pubertätlichkeiten.




Klare Entscheidung

Ja, der Chirurg, der hat es fein:
Er macht dich auf und schaut hinein.
Er macht dich nachher wieder zu ?
Auf jeden Fall hast du jetzt Ruh.
Wenn m i t Erfolg, für längere Zeit,
Wenn o h n e - für die Ewigkeit.




Kleinigkeiten

Ein Mensch, der was geschenkt kriegt, denke:
Nichts zahlt man teurer als Geschenke!

Ein Mensch wollt immer recht behalten:
So kam's vom Haar - zum Schädel spalten!

Ein Mensch fühlt oft sich wie verwandelt,
sobald man menschlich ihn behandelt!







Lebensleiter

Wir sehen es mit viel Verdruß,
was alles man erleben muß;
und darauf ist jeder darauf scharf,
daß er noch viel erleben darf.
Wir alle steigen ziemlich heiter
empor auf unsrer Lebensleiter:
Das Gute, das wir gern genossen,
das sind der Leiter feste Sprossen.
Das Schlechte - wir bemerkens kaum -
ist nichts als leerer Zwischenraum.































Falscher Verdacht

Ein Mensch hat meist den übermächtigen
Naturdrang, andre zu verdächtigen.
Die Aktenmappe ist verlegt.
Er sucht sie, kopflos und erregt,
Und schwört bereits, sie sei gestohlen,
Und will die Polizei schon holen
Und weiß von nun an überhaupt,
Daß alle Welt nur stiehlt und raubt.
Und sicher ist's der Herr gewesen,
Der, während scheinbar er gelesen -
Er ahnt genau, wie es geschah...
Die Mappe? Ei, da liegt sie ja!
Der ganze Aufwand war entbehrlich
Und alle Welt wird wieder ehrlich.
Doch den vermeintlich frechen Dieb
Gewinnt der Mensch nie mehr ganz lieb,
Weil der die Mappe, angenommen,
Sie wäre wirklich weggekommen -
Und darauf wagt er jede Wette -
Gestohlen würde haben hätte!






Fingerspitzengefühl

Gefühl kann ganz verschieden sitzen:
Der hat es in den Fingerspitzen,
Bei jenem aber ist's verzogen
Hinauf bis an die Ellenbogen.
Es ist zwar dann nicht mehr ganz fein,
Doch soll es sehr von Vorteil sein.



Fragen

Ein Mensch wird müde seiner Fragen:
Nie kann ein Mensch ihm Antwort sagen.
Doch gern gibt Auskunft alle Welt
Auf Fragen, die er nie gestellt.



Für Architekten

Ein Mensch, der auf ein Weib vertraut
und drum ihm einen Tempel baut
und meint, das wär sein Meisterstück,
erlebt ein schweres Bauunglück.

Leicht findet jeder das Exempel:
Auf Weiber baut man keinen Tempel!



Für Moralisten

Ein Mensch hat eines Tags bedacht,
was er im Leben falsch gemacht,
und fleht, genarrt von Selbstvorwürfen,
gutmachen wieder es zu dürfen.
Die Fee, die zur Verfügung steht,
wenn sich's, wie hier, um Märchen dreht,
erlaubt ihm denn auch augenblicks
die Richtigstellung des Geschicks.
Der Mensch besorgt dies äußerst gründlich,
merzt alles aus, was dumm und sündlich.
Doch spürt er, daß der saubern Seele
ihr innerlichstes Wesen fehle,
und scheußlich geht's ihm auf die Nerven:
Er hat sich nichts mehr vorzuwerfen,
und niemals wird er wieder jung
im Schatten der Erinnerung.
Dummheiten, fühlt er, gibt's auf Erden
nur zu dem Zweck, gemacht zu werden.




Gegen Aufregung

Wen Briefe ärgern, die er kriegt,
dem sei, auf daß sein Zorn verfliegt,
genannt ein Mittel, höchst probat,
das manchem schon geholfen hat.
Er suche sich aus alten Akten
die schon erledigt weggepackten
Droh-, Schmäh-, Mahn-, Haß- und Liebesbriefe,
die schliefen in Vergessenstiefe:
Beschwichtigt alles und berichtigt,
entzichtigt, nichtig und entwichtigt!
So wird die Zeit bald mit dem fertig,
was gegen-, vielmehr widerwärtig.
Ad acta wirst auch du gelegt
samt allem, was dich aufgeregt.












Für Fortschrittler

Ein Mensch liest staunend, fast entsetzt,
daß die moderne Technik jetzt
den Raum, die Zeit total besiegt:
drei Stunden man nach London fliegt.
Der Fortschritt herrscht in aller Welt.
Jedoch, der Mensch besitzt kein Geld.
Für ihn liegt London grad so weit
wie in der guten alten Zeit.










 
   




Weltlauf

Ein Mensch, erst zwanzig Jahre alt,
Beurteilt Greise ziemlich kalt
Und hält sie für verkalkte Deppen,
Die zwecklos sich durchs Dasein schleppen.
Der Mensch, der junge, wird nicht jünger:
Nun, was wuchs denn auf seinem Dünger?
Auch er sieht, daß trotz Sturm und Drang,
Was er erstrebt, zumeist mißlang,
Daß, auf der Welt als Mensch und Christ
Zu leben nicht ganz einfach ist,
Hingegen leicht, an Herrn mit Titeln
Und Würden schnöd herumzukritteln.
Der Mensch, nunmehr bedeutend älter,
Beurteilt jetzt die Jugend kälter,
Vergessend frühres Sich-Erdreisten:
"Die Rotzer sollen erst was leisten!"
Die neue Jugend wiedrum hält ...
Genug - das ist der Lauf der Welt!




Zu spät

Ein Mensch zertritt die Schnecke, achtlos,
Die Schnecke ist dagegen machtlos.
Zu spät erst kann sie, im Zerknacken,
Den Menschen beim Gewissen packen.







Zweierlei

Ein Mensch - man sieht, er ärgert sich -
schreit wild: Das ist ja lächerlich!
Der andre, gar nicht aufgebracht,
zieht draus die Folgerung und - lacht.





Zweifel

Ein Mensch ist dazu wild entschlossen:
Das gute Kräutchen wird begossen,
Das schlechte Unkraut ausgerottet. -
Doch ach, des Lebens Wachstum spottet,
Und oft fällts schwer, sich zu entschließen:
soll man nun rotten oder gießen?







 
   




Eugen Roth
Relativität


Wer Hunger hat, der isst sich satt,
vorausgesetzt, dass er was hat.

Wer Liebe fühlt, zeigt sich als Mann,
vorausgesetzt, dass er das kann.

Wer Wahrheit liebt, der urteilt scharf,
vorausgesetzt, dass er das darf.

Wer Ruhe sucht, verhält sich still,
vorausgesetzt, dass er das will.

Wer Geld möcht´, schuftet mit Verdruss,
vorausgesetzt, dass er das muss.

Wer sterben soll, stirbt wie ein Christ,
vorausgesetzt, dass er das ist.

Kurz, was uns auf der Welt gelingt,
ist leider ungemein bedingt.

 
 
   
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